Mittwoch, 2. März 2016

[Review] ASP - VERFALLEN - Folge 1: Astoria


Hallo meine Lieben,

heute möchte ich euch noch das letzte Überbleibsel aus 2015 vorstellen. Besser gesagt: rezensieren. Denn diesmal geht es nicht um eine eigene Arbeit, sondern um das letzte und bisher noch aktuellste Album von ASP.

„VERFALLEN – Folge 1: Astoria“ heißt das schöne Stück und erschien bereits am 16. Oktober 2015. Wie so wunderbar typisch für ASP ist auch dieses Werk in einer Standard-Version (16,95€) und in der „Limited Novel Edition“ (29,95€) erhältlich. Beide gibt es noch im Online-Shop zu kaufen, wobei die limitierten Exemplare langsam knapp werden.

Wie ihr sehen könnt habe ich mich wieder für die Sonderausgabe entschieden.
Nun, was haben wir hier also?
Zum einen natürlich das Album an sich mit dreizehn, durchweg fantastischen. Songs. Außerdem eine Kurzgeschichte von Kai Meyer. DIE Kurzgeschichte, welche Mastermind Asp zu diesem musikalischen Feuerwerk inspiriert hat. „Das Fleisch der Vielen“ spielt, genau wie die Albumstory, im Hotel Astoria. Allerdings in der Gegenwart.
Und eine Bonus-CD mit der Lesung vom M’Era Luna 2013.

Bevor ich auf die jeweiligen Komponenten eingehe, möchte ich etwas ganz und gar Untypisches für eine Rezension wagen: Ich haue euch mein emotionsgeladenes Fazit schon mal um die Ohren!

Dieses Album ist (für mich ganz persönlich) bisher DAS BESTE was Asp und seine Mannen fabriziert haben. Es ist großartig! Man möchte auf die Knie fallen und sich von den so harmonischen und doch so unendlich vielseitigen Klängen dieses Werkes davon tragen lassen. Ich kann es kaum noch erwarten, einige dieser Perlen bald live hören zu dürfen. 
Nachdem ich mit den letzten drei Veröffentlichungen aus dem Fremder-Zyklus nie durchgängig warm werden konnte, sprang bei ASTORIA der Funke direkt beim ersten Hören über. Laut eines Interviews schreibt Asp seine Texte seit diesem Album wieder mit Stift und Papier und nicht mehr am Rechner. Ob es daran liegt? Fakt ist: Man muss mit der bisherigen Diskografie der Band nicht vertraut sein, um ASTORIA zu verfallen (aber es würde bei „Fortsetzung folgt … 1“ unglaublich helfen). Losgelöst von seinen sonstigen Albenkonzepten beweist Asp mit ASTORIA mal wieder eines: er ist und bleibt ein fantastischer Geschichtenschreiber und –erzähler.

Bereits zum zweiten Mal widmet er sich einer ganz konkreten Geschichte an einem ganz bestimmten Ort. Ein sogenanntes „Zwischen-Album“. War es 2008 der Zaubererlehrling Krabat aus Schwarzkollm, der musikalisch zum Leben erweckt wurde, so ist es dieses Mal Paul im Leipziger Hotel ASTORIA.


Wir schreiben das Jahr 1919. Der Krieg ist vorbei, viele Menschen müssen sich in einer neuen Welt zurechtfinden. So auch "Paul". Er kratzt seine letzten Habseligkeiten zusammen, kehrt seiner Stadt, Berlin, den Rücken und setzt sich in den Zug. Nach Leipzig. 
Er träumt von einem besseren Leben, vielleicht auch von der großen Liebe. 
Als er am Leipziger Hauptbahnhof aussteigt, fällt sein Blick sofort auf das Hotel ASTORIA. Angezogen von dessen Charme macht er sich auf den Weg hinein, bekommt mit Hilfe einiger Schwindeleien sogar die Stelle des Hausmeisters. 
So beginnt seine Zeit mit und im ASTORIA. Auch die Liebe lässt nicht lange auf sich warten, doch entfaltet diese sich anders, als man meinen könnte. Andersartig. 
Paul verliebt sich in den Geist des Hotels, verfällt ASTORIA sprichwörtlich. Und so nimmt das Unglück seinen Lauf und führt Paul und den Hörer zusehends abwärts...

Eher untypisch für Asp wird die Geschichte sehr klar und linear erzählt, ohne Umwege. Er schlüpft in die Rolle von Paul, erzählt seine Geschichte aus der Ich-Perspektive und macht diese dadurch für den Hörer noch intensiver erlebbar. Nach dem Opener schreitet die Story flott und abwechslungsreich voran bis zum dramatischen Höhepunkt. Beinahe noch mittendrin erfährt die Geschichte ihren Abbruch. Doch ASP wollen ihre Hörer nicht ohne Weiteres gehen lassen und bilden mit „Fortsetzung folgt … 1“ ein musikalisches Fangnetz. Ich denke, Asp muss man nicht mehr erklären, wie man einen Spannungsbogen aufbaut. ;) 
Bis auf zwei, drei Ausnahmen sind die Texte auf diesem Album nicht auf mehreren Ebenen interpretierbar, sondern dienen einzig und allein der Geschichte um Paul und ASTORIA.


Den Beginn macht „Himmel und Hölle (Kreuzweg)“. Mit einem langgezogenen „Vorsicht! Kreuzweg!“ wird der Hörer begrüßt und mit gewohnt rockigen Klängen auf das Kommende eingestimmt. Nur ganz sanft wird hier in ein, zwei Zeilen ein zarter Bezug zu Kai Meyers Geschichte hergestellt. Inhaltlich geht es um den Sprung in einen neuen Lebensabschnitt und dass man am Anfang nie weiß, was am Ende auf einen wartet. Der perfekte Opener, denn bereits mit „Mach’s gut, Berlin!“ sind wir mittendrin in Pauls Geschichte. Ein Lied voll Melancholie und der Sehnsucht nach einem besseren Leben. Der Abschied von der eigenen (Heimat)Stadt und die Angst vor der großen Unbekannten, die sich Zukunft nennt. All das verpackt in etwas mehr als 6 Minuten. Zu Beginn wird Asps Gesang nur von Klavierklängen begleitet, was der Stimmung noch mehr Ausdruck verleiht. Für mich persönlich das Stück auf dem Album, was mich am meisten (be)rührt. (Warum könnt ihr hier noch mal nachlesen.) 
In "Zwischentöne: Ich nenne mich Paul" erfahren wir, dass der Protagonist sich diesen Namen ausgesucht hat. Wer war er vorher? Wie hieß er? Was hat er getan, was einen neuen Namen rechtfertigt? Fragen, welche mit diesem Album nicht beantwortet werden. 
Nun, Paul ist auf der Reise, sitzt im Zug von Berlin nach Leipzig und gibt sich seinen Tagträumen hin. Ein kurzes Zwischenstück, was musikalisch mit Elementen des Chanson angereichert wurde und durch den flotten Takt eine sehr hohe Spannung erzeugt. 
Diese wird mit "Zwischentöne: Baukörper" unmittelbar wieder gelöst. In Leipzig angekommen, tritt Paul aus dem Bahnhof und erblickt sofort das Hotel ASTORIA. Lediglich von einer Akustikgitarre begleitet wird die Geschichte hier sehr mitreißend, gefühlvoll, ja sogar romantisch erzählt. Man hat tatsächlich den Eindruck, mit Paul zusammen am Bahnhof zu stehen, langsam zum Hotel zu gehen und dieses mit ihm zu betreten. Asp beschreibt in reichlich fünf Minuten  unglaublich anschaulich die gesamte Szenerie. Ich empfehle dringend, dazu einmal hier in die Hörprobe hinein zu lauschen. 

Danach wird es elektronisch-rockig. Wir lassen Pauls emotionale Reise hinter uns und begeben uns in härtere Gefilde. „Begeistert (Ich bin unsichtbar)“ punktet mit einem schnellen Takt, der zum klassisch-gepflegten Headbangen einlädt.
Paul scheint sich gut eingelebt zu haben. Als Hausmeister bleibt ihm keine Tür verschlossen, er hat Zugang zu allen Bereichen und bleibt doch als Angestellter und somit Teil des Hotels unsichtbar.
Es folgt das wohl kontroverseste Stück der ganzen Platte: „Zwischentöne: Lift“. Lasst es mich so formulieren: wenn ich (argentinischen) Tango tanzen könnte, würde ich es zu diesem Stück tun!!
Wie jetzt? Tango und ASP?
Ja, das funktioniert. Und zwar verdammt GUT!!! Die Story: Paul beginnt, in Gängen und Zimmern des Nächtens eine Dame zu sehen. Fragt er sich am Anfang noch, wer sie überhaupt ist, steigert sich seine Neugier zu einer Obsession. Asp schafft es, in lediglich zwei Minuten die Spannung inhaltlich und musikalisch so hochzuschrauben, dass sie die Grenze des Erträglichen erreicht. Und genau zu dieser starken Leidenschaft passt der Tango. Ich kann nicht anders, als mich vor so viel Mut und Können zu verneigen.
Auch Asps Gesang erreicht hier neue Facetten durch die Überbetonung an einigen Stellen. Mit einem Schritt Abstand das interessanteste und experimentellste Stück des Albums.
Dass man hier auch kompositorisch sein Handwerk versteht, bemerkt der geneigte Hörer spätestens zu Beginn des nächsten Liedes. Die erzeugte Spannung wird mit „Astoria verfallen“ sofort wieder aufgelockert. Es ist ein bisschen wie bei einer Achterbahn, bei der es nach einem nervenaufreibenden Anstieg ruckartig abwärts geht. „Astoria verfallen“ ist eine locker-flockige, (hinter vorgehaltener Hand geflüstert) beinahe schlagereske, mit Elektrobeats gefütterte Rocknummer. Sie geht auf Anhieb ins Ohr und bleibt dort.
Inhaltlich ist es ein Liebeslied. Zumindest, wenn man sich in Paul hineinversetzen kann. Er ist angekommen, ASTORIA ist jedoch weit mehr, als nur ein Zuhause. Der Protagonist schwärmt in den höchsten Tönen von seinem „Stern“ und tut nur zu gern, was seine Meisterin verlangt. Wer es genauer wissen will, dem sei das offizielle Video dazu empfohlen.
In „Souvenir, Souvenir“ wird allmählich klarer, von was Paul eigentlich spricht. Jeder Gast hinterlässt ein kleines Andenken im ASTORIA. Was genau? Nun. Haare. Was sie damit vor hat? Keinen blassen Schimmer.
Klanglich weht uns gepflegter Goth-Rock in feinster ASP-Qualität entgegen.

„Zwischentöne: Blank“ ist wieder ein sehr besonderes Stück. Keine Musik, nur stimmungsvolle, unheimliche Hintergrundgeräusche und der Text gesprochen, statt gesungen. Dies aber sehr eindringlich. Ab hier wandelt sich ASTORIA zur wahren Gruselgeschichte.
Paul liegt zunehmend nächtelang wach. Doch damit nicht genug, erscheint ihm Astoria in einer Gestalt, die nun wahrlich der eines Geistes gleicht und weniger der einer Frau aus Fleisch und Blut. Er folgt ihr durch das Hotel und spürt, wie es immer weiter bergab geht… Der unterschwellige Horror, der Paul von Anfang an begleitet hat, nimmt ab hier Form an. 
Wie es inhaltlich weitergeht, müsst ihr nun aber leider selbst herausfinden. ;)
Nahtlos geht es weiter mit „Dro(eh)nen aus dem rostigen Kellerherzen“, verschwimmt sogar mit „Blank“, da der Text unter Lied 9 steht, die Tracklist aber schon bei Nummer 10 angekommen ist. Zu Asps Sprechgesang gesellen sich schwere Gitarrenwände, die den Hörer auf dem Weg abwärts begleiten. Endlich im Keller angekommen, verdichtet sich der Klangteppich zu einer sauberen Metal-Nummer. Ein langsames, extrem dukles, nahezu „böses“ Stück, obwohl Asp doch eigentlich nur die Räumlichkeiten beschreibt, in denen Paul sich befindet.

Danach erfolgt wieder ein Bruch. Wir finden uns mit „Alles nur das nicht!“ bei einem sehr intimen Stück, welches zum Teil nur von der Akustikgitarre getragen wird und ab und an in rockige Sphären aufsteigt. Paul reflektiert seine Beziehung zu ASTORIA, spricht direkt zu ihr und stellt dabei fest, dass es nicht die klügste Entscheidung seines Lebens war, den Weg mit ihr einzuschlagen. Sehr eindrucksvoll wird hier vermittelt, unter welchem Druck Paul steht und ASP gelingt es, das Gefühl auf den Hörer zu übertragen und die Spannung wieder ganz weit oben zu halten.
Mit „Loreley“ kommen wir schließlich zum Meisterstück des Albums. In elfeinhalb Minuten wird „die traurige Ballade der Hannelore W.“ erzählt. Den Höhepunkt des Stücks bildet ein gar grausiges Verbrechen, welches wiederum mit Tangorhythmen unterlegt ist. Dieser Song ist schlicht G-E-N-I-A-L und man möchte aus dem Staunen nicht mehr herauskommen.
Und damit ist er beendet. Teil 1. Doch ASP wären nicht ASP, wenn sie nicht noch eine schönes Schmankerl im Gepäck hätten.
„Fortsetzung folgt … 1“ bildet das weiter oben angesprochene Fangnetz, um das eben Erlebte setzen zu lassen. ASP danken für die Zeit und Geduld und das mit einer großen Portion Humor. Eine schöne Bandhymne von der ich hoffe, sie ganz bald live hören zu dürfen.

So. Wow. Der Wahnsinn, oder?
Nach diesem Album bleiben natürlich einige Fragen offen, die vielleicht im kommenden 2. Teil FASSADEN beantwortet werden. Ich habe das leise Gefühl, dass Verfallen 2 richtig gruselig wird. Warten müssen wir zum Glück nicht mehr lang, denn bereits am 1. April ist es soweit!


Bevor ich euch gehen lasse, möchte ich noch auf die Kurzgeschichte von Kai Meyer eingehen. Wie erwähnt, spielt „Das Fleisch der Vielen“ im Astoria der Gegenwart. Das Hotel steht seit über 20 Jahren(?) leer (echt jetzt, ich als Wahlleipzigerin stand schon mit argwöhnischem Blick davor und will lieber gar nicht wissen, was hinter den zugenagelten Fenstern schlummert). Jana und Tim verschaffen sich Zugang, um der Eskalation einer Demo zu entgehen. In vermeintlicher Sicherheit finden sie sich im stockdusteren Hotel wieder und machen sich auf die Suche nach einem anderen Ausgang. Leider sehr wenig erfolgreich…
Kai Meyers Story ist sehr packend und mitreißend. Nach wenigen Zeilen hat man das Gefühl, neben Jana und Tim zu stehen und mit ihnen zu suchen. Auf nur 37 Booklet-Seiten schafft es der Autor seinem Leser ganz ordentlich das Gruseln zu lehren.


Ich hoffe, dass FASSADEN die beiden ASTORIA-Geschichten zusammenbringt und den großen AHA-Effekt auslöst. Aber so oder so bin ich mir sicher, dass es ebenso fantastisch wird, wie dieses Werk.


Ach, da war ja noch was. Genau! Die Bonus-CD mit der Lesung vom M’Era Luna 2013. Da ich das Glück hatte, diese selbst sehen und hören zu dürfen ist die Bonus-CD etwas ganz Besonderes. Es ist schon irgendwie abgefahren zu wissen, dass man selbst in der jubelnden und applaudierenden Menge gesessen hat. Und meine Güte, was haben wir für einen Lärm gemacht! :-D Meine Eindrücke zu dem gesamten Auftritt könnt ihr gern hier noch einmal nachlesen.

So. Ich habe fertig. Mich kurz zu fassen war noch nie eine meiner Stärken, aber von der Länge dieses Beitrags bin ich auch etwas schockiert. ;)
Das nächste Mal gibt es wieder mehr Fotos und weniger Text. Vielleicht auch ein bisschen Farbe und Frühling und weniger Keller. Ich schließe mit den Worten:

„(…)
Und insgeheim frag ich mich: Ist das obsessiv?
Doch spielt die Antwort darauf überhaupt noch eine Rolle?
Denn nie zuvor war etwas ähnlich intensiv.
(…)“


(ASP – „Lift“ aus Verfallen – Folge 1: Astoria)




Kommentare:

  1. Hallo Jasmin,
    durch die "Zusammenkunft" bin ich leider erst jetzt auf Deinen Block aufmerksam geworden. Ich finde ihn und die Darstellung (inklusive der wunderschönen Fotos) großartig!
    Randbemerkung: Insbesondere hat es mir dir Rubrik "Buchprojekte" angetan, da ich in meinem "früheren" Leben (hihi) von der Entstehung bis zur Drucklegung an einigen solcher Projekte beteiligt war.
    Aber nun zur Rezession selbst. Diese gefällt mir ausgesprochen gut, was meinen Eindruck durch Deine ausführliche Darstellung zusätzlich unterstreicht. Auch finde Ich die Rezession gar nicht zu lang, wenn man sich vor Augen hält, mit welchem Mammutprojekt wir es schließlich hier zu tun haben. Vor allen Dingen finde ich es spannend, dass Du mit dem Ort des Geschehens (mit der Stadt Leipzig an sich) vertraut bist und somit für mich persönlich Deine ganz eigenen Eindrücke einen anderen Stellenwert erhalten.
    Vielen Dank für Deine Mühe und liebe Grüße
    Miss HoaX

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    1. Vielen Dank für Deine lieben Worte! Das freut mich sehr! :-)

      Ich wünschte, ich könnte die Rubrik auch noch weiter ausbauen, aber im Studium hatte ich dafür natürlich auch die Zeit, die mir nun zuweilen fehlt oder doch anders genutzt wird...

      Es freut mich auch sehr, dass die Rezension Dir gefällt! Ich wohne zwar noch nicht lange in Leipzig, aber jedes Mal wenn ich am Bahnhof bin schwenkt mein Blick erstmal zum Hotel und ich sehe die goldenen Zwanziger vor mir... :-D

      Liebe Grüße,
      Jasmin

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